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Digitale Barrierefreiheit in der Praxis: Eindrücke vom Power-Tutorial des BAMF

Geschrieben von Simone Wünsch | Donnerstag, 12.3.2026

Was ein Abend bei der German Testing Night über Accessibility Testing, Tools und Haltung lehrt

Stellen Sie sich vor, Sie bedienen Ihr Smartphone, ohne den Bildschirm zu sehen. Was wie eine Herausforderung klingt, ist für viele Menschen Alltag. Genau das haben unsere beiden Teamleiter der Business Unit Public am 11. März 2026 bei der German Testing Night in Nürnberg erlebt und dabei ist einiges ins Wanken geraten, was man zu wissen glaubte.

Die Veranstaltung fokussierte sich vollständig auf digitale Barrierefreiheit in der IT. Hervorragender Gastgeber war das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), eine Behörde, die Barrierefreiheit bereits fest in ihre Softwareprozesse integriert hat. Im Zentrum stand das Power-Tutorial „Einführung in die Barrierefreiheit 80 in 80 min” im World-Café-Format: praxisnah, interaktiv und eindrucksvoll.

 

Drei Kernerkenntnisse des Abends

Der Abend hat Folgendes gezeigt: Barrierefreiheit ist kein abstraktes Compliance-Thema, sondern erlebbar und umsetzbar. Oft ist sie näher als gedacht.

Drei Punkte stechen besonders hervor:

  1. Praxisnahe Einblicke: Der Workshop legte Wert auf die Einbindung von Betroffenen und die Integration von Barrierefreiheit in Softwareprozesse – von Anfang an und nicht als nachträglicher Gedanke.

  2. Mut zur Methode: Schon mit den richtigen Tools lässt sich der Einstieg in Accessibility Testing realisieren – oft schneller, als man es vermutet.

  3. Blinde Bedienung am Beispiel eines iPhones: Die Erfahrung mit sprachlicher Ausgabe in hoher Geschwindigkeit zeigte eindrucksvoll, wo noch Hürden liegen – und wie viel ein durchdachtes, inklusives Design bewirken kann.

 

Tools und Standards: Was das BAMF in der Praxis einsetzt

Das BAMF nutzt einen strukturierten Mix aus automatisierten und manuellen Prüfmethoden, der sich an etablierten Standards wie den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) und der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) orientiert. Ausgewählte Beispiele aus der Praxis:

  • Chrome Lighthouse: Schnelle erste Prüfung, um einen Überblick über den Barrierefreiheitsstand eines Projekts zu erhalten.

  • Axe-Core: Einsatz in Code-Reviews und Tests – ein bewährtes Tool für automatisiertes Accessibility-Testing.

  • Barrierefreie PDFs: Die Erstellung und Prüfung barrierefreier Dokumente ist essenziell, wird in der Praxis jedoch oft unterschätzt. Ein strukturiertes Word-Dokument allein reicht nicht aus, da auch die Exporte barrierefrei sein müssen.

  • Interne Ressourcen: Das BAMF nutzt vorhandene Hilfsangebote wie BLUU (barrierefrei, lösungsorientiert, userzentriert, universell) – ein internes Rahmenwerk, das Teams bei der praktischen Umsetzung von Barrierefreiheit unterstützt.

  • Automatisierung als Hebel: Viele Prüfungsschritte lassen sich automatisieren – das spart Zeit und schafft Raum für die komplexeren manuellen Prüfungen, die kein Tool ersetzen kann.

 

Eindrücke aus den Stationen des Power-Tutorials

An den verschiedenen Stationen des World-Café-Formats konnten unsere Teamleiter Barrierefreiheit nicht nur verstehen, sondern auch direkt erleben. Die wichtigsten Eindrücke:

  • Screenreader-Test auf dem iPhone: Die Bedienkonzepte unterscheiden sich erheblich. Hier wurde sehr konkret, woran man arbeiten muss, um Barrierefreiheit praktisch erlebbar zu machen.
  • Screenreader-Tests von Webseiten am PC: Typische Schwachstellen wurden sichtbar – klare Prioritäten und konkrete Maßnahmen helfen, sie systematisch zu beheben.
  • Automatisiertes Testen: Standardregeln lassen sich oft direkt mit fertigen Tools prüfen – ein wichtiger Baustein im Accessibility-Audit.
  • Barrierefreiheit am eigenen Leib erfahren: Wie stark Sehgewohnheiten das Erleben digitaler Inhalte prägen, wurde durch praktische Übungen eindrucksvoll deutlich.
  • Barrierefreie Dokumente: Nicht nur das Quelldokument muss barrierefrei sein, sondern auch alle Exportformate müssen geprüft werden.
  • Organisatorische Dimension: Die Frage, warum Barrierefreiheit in vielen Organisationen noch zu wenig priorisiert wird, führte zu offenen und konstruktiven Gesprächen.
  • Responsive Design und Barrierefreiheit: Beide Disziplinen sind keine Konkurrenten, sondern, wie ein Teilnehmer es treffend formulierte, „just good friends”, die gemeinsam zum Erfolg beitragen.

 

Barrierefreiheit ist eine Frage der Haltung und des richtigen Zeitpunkts

Nach den einzelnen Stationen nutzten alle Beteiligten die Zeit für einen offenen Erfahrungsaustausch. Deutlich wurde: Barrierefreiheit in der Softwareentwicklung ist in vielen Projekten bereits gelebte Praxis und in anderen gewinnt sie durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) weiter an Bedeutung und Dringlichkeit.

Das zentrale Fazit des Abends lautet: Der Dialog mit Betroffenen und die Integration von Barrierefreiheit von Anfang an sind entscheidend. Wer früh ansetzt, gewinnt für Nutzer:innen, für die Qualität des Projekts und für die eigene Organisation. Barrierefreiheit ist kein Nice-to-have. Sie ist eine gesetzliche Anforderung, ein Qualitätsmerkmal und vor allem eine Frage der Haltung.

Sie möchten digitale Barrierefreiheit in Ihre Softwareprojekte integrieren?

Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie von der ersten Prüfung bis zur nachhaltigen Umsetzung.