Am 22. und 23. Juni 2026 waren unsere Kollegen Vittorio Monteiro und Sabri Deniz Martin auf der Car.HMI Europe im Hotel Titanic Chaussee in Berlin dabei. Die Veranstaltung bringt Fachleute aus Automotive UX, HMI-Entwicklung und Fahrzeugsoftware zusammen und war in diesem Jahr mit rund zwei Tagen Vollprogramm entsprechend dicht bestückt.
Agentic AI und die Zukunft des In-Car-Assistenten
Einer der prägendsten Themenstränge war die Frage, wie sich Sprachassistenten von reaktiven Befehlsempfängern zu kontextbewussten, proaktiv handelnden Systemen entwickeln. CARIAD zeigte, was das aus einer Human-Centered-Perspektive bedeutet: nicht-deterministisches Systemverhalten, das Tempo der Technologieentwicklung und die Frage, welche Prinzipien aus klassischen Voice-Interfaces weiter gelten und welche grundlegend neu gedacht werden müssen. Cinemo ergänzte das mit einem Blick auf agentenbasierte Architekturen, die OEM-Kontrolle und Sicherheit wahren sollen, während AI-Schichten fahrzeugdomänenübergreifend koordinieren.
Automatisiertes Testen von Infotainment-HMIs
Besonders relevant für uns war eine gemeinsame Session von Harman und AskUI: Harman setzt für die Validierung seines Infotainmentsystems auf einen autonomen AI-Agenten, der die HMI so bedient wie ein echter Fahrer, ohne hartcodierte Selektoren oder DOM-Zugriff. Der Agent navigiert Menüs, führt Aufgaben aus und erkennt Regressionen. Das adressiert ein echtes Problem: Skriptbasierte Testautomatisierung kommt bei wachsender Variantenvielfalt und häufigen OTA-Updates an ihre Grenzen.
Features on Demand und die Frage der Kundenakzeptanz
Kia Europe stellte ihren Ansatz zu kostenpflichtigen digitalen Fahrzeugfunktionen vor. Die ehrlichste Aussage der Session: Es gibt eine deutliche Lücke zwischen dem Interesse an solchen Features und dem tatsächlichen Kaufverhalten. Wahrnehmung, Einstiegshürden und die Rolle des Händlers im Aktivierungsprozess wurden offen diskutiert.
HMI-Minimalism und Skalierung über Fahrzeugsegmente
Piaggio Group diskutierte, wie man eine vollständige Fahrzeug-HMI auf einem einzigen 7-Zoll-Display für ein elektrisches Nutzfahrzeug abbildet. Visteon zeigte, wie sich HMI-Plattformen über Entry-Level- und Premium-Segmente skalieren lassen, ohne bei Qualität oder Entwicklungsgeschwindigkeit wesentlich Kompromisse einzugehen.
Inclusive Design, chinesische EV-HMIs und der Blick von außen
Volkswagen Group Services stellte ihre Arbeit zu barrierefreierer HMI-Gestaltung vor. AMMI Intelligent Technologies gab Einblicke in Chinas methodischen Ansatz bei der HMI-Entwicklung, der auf kontextbasierter Bedarfsanalyse und kulturspezifischer UX-Forschung aufbaut. Und die Universität Michigan stellte die unbequeme Frage, warum akademische Forschung in der Praxis so selten ankommt.
World Cafés am zweiten Tag
Der zweite Tag war stärker auf kollaborativen Austausch ausgerichtet. In Roundtable-Formaten wurden Themen wie 3D-Visualisierung im HMI, prädiktive UX-Architekturen mit AI und ML, Windshield Displays, die Grenzen von Display- und Eingabegerätekonzepten und die Frage nach dem Stellenwert bezahlter digitaler Features intensiv diskutiert. Vertreter von BMW, Stellantis, Hyundai Mobis, Preh und Daimler Truck moderierten die Tische.
Neben dem Konferenzprogramm gab es auf der Expo-Fläche einiges zu entdecken. Digiteq Automotive zeigte ihr DigiSense Driver & Cabin Monitoring System: Echtzeit-Analyse des Fahrerzustands per Computer Vision, von Blickrichtung und Emotionserkennung bis zur Müdigkeitsdetektion. BAutomotive demonstrierte live, wie Gesichtsmeshes Ausdrücke einem Valenz-Arousal-Modell zuordnen. TouchNetix präsentierte ihre AXIOM-Plattform für haptisches Feedback und kraftsensitive Displays. Das Berliner Startup toni zeigte, wie sich eine vollständige Fahrzeug-HMI in einem eigenständigen Prototyp-Gerät abbilden lässt.
Das HMI moderner Fahrzeuge ist kein einzelner Bildschirm mehr. Es ist ein Stack: ein Android-Betriebssystem, mehrere Displays, Sprachschnittstellen, Marketplace-Anbindungen, Connected Services und sicherheitskritische Funktionen, die parallel laufen. Jede Schicht hat eigene Testanforderungen, die Wechselwirkungen zwischen ihnen noch einmal mehr.
Genau hier arbeiten wir. Unsere Teams testen In-Vehicle-Navigation, Infotainment- und Sprachsysteme, Konfiguratoren, Backend- und API-Schichten sowie Connected Mobility Services. Die Diskussionen auf der Car.HMI haben bestätigt: Die Komplexität, mit der unsere Kunden umgehen, nimmt weiter zu, und der Druck auf Testabdeckung, Automatisierungsgrad und Release-Kadenz steigt mit ihr.
Vielen Dank an die Veranstalter für eine gut organisierte Veranstaltung und an Jonas Menesklou von AskUI für die Einladung.
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